Historische Marken · Nr. 40

Kienzle (Uhren)

Traditionsreicher Uhrenhersteller; die Marke wird heute in kleinem Umfang für Wanduhren und Werbeuhren fortgeführt.

Von Schwenningen in die Welt: Die Ära Johannes Schlenker

Die Wurzeln von Kienzle reichen bis ins Jahr 1822 zurück, als Johannes Schlenker in Schwenningen mit der Fertigung von Wanduhren begann. Nach dem Einstieg von Jakob Kienzle Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Betrieb unter dem Namen Schlenker & Kienzle zu einer industriellen Großmacht, die bald über 600 Mitarbeiter beschäftigte. Der konsequente Fokus auf die Serienfertigung ermöglichte es, Uhren für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich zu machen und den Standort im Schwarzwald international zu etablieren.

Produktikonen zwischen Borduhren und der Kienzle-Volksuhr

In der Mitte des 20. Jahrhunderts manifestierte Kienzle seinen Ruf durch technische Vielseitigkeit und Massenproduktion. Große Bekanntheit erlangte die 'Kienzle-Volksuhr', die als robustes Standardmodell den Markt der Armbanduhren demokratisierte. Parallel dazu spezialisierte sich das Unternehmen auf die Ausstattung von Automobilen und lieferte ab den 1930er Jahren hochwertige Borduhren für namhafte Hersteller wie Rolls-Royce oder Mercedes-Benz.

Globale Expansion und der Einbruch der Quarzrevolution

Zur Blütezeit in den 1960er und 1970er Jahren produzierte Kienzle jährlich Millionen von Uhrwerken und beschäftigte zeitweise über 3.500 Menschen. Der technologische Wandel hin zur Quarzuhr wurde zwar frühzeitig durch Eigenentwicklungen wie das Kaliber 606 begleitet, doch der enorme Preisdruck durch asiatische Importe setzte dem Schwarzwälder Traditionsbetrieb massiv zu. Trotz der Marktführerschaft bei Weckern und Parkuhren konnte die Kostenstruktur der deutschen Produktion gegen die globale Konkurrenz nicht bestehen.

Insolvenz 1997 und die Zersplitterung der Markenrechte

Nach mehreren Eigentümerwechseln, unter anderem durch die Übernahme durch die Gruppe Highway Holdings aus Hongkong im Jahr 1996, folgte bereits 1997 der endgültige Zusammenbruch am Stammsitz Schwenningen. In der Folgezeit wurde die Marke Kienzle mehrfach weitergereicht und die Produktion in Deutschland weitgehend eingestellt. Ein kurzer Wiederbelebungsversuch als Premiummarke unter der Kienzle AG in Hamburg scheiterte im Jahr 2010 mit einer erneuten Insolvenz.

Kienzle heute: Zwischen Nischenmarkt und Lizenzgeschäft

Heute existiert Kienzle nicht mehr als geschlossener Industriebetrieb mit eigener Fertigungstiefe, sondern primär als Handelsmarke für unterschiedliche Segmente. Die Rechte für Wanduhren, Wecker und Werbeartikel werden von spezialisierten Distributoren genutzt, die das historische Logo für Importware verwenden. Das einstige Fabrikgelände in Schwenningen dient heute als Uhrenindustriemuseum und bewahrt das technische Erbe eines der bedeutendsten deutschen Uhrenhersteller.