Die Spiegelreflexkamera aus Dresden war in der DDR und im europäischen Osten Marktführer. Heute vertreibt ein britischer Distributor unter dem Namen Praktica u. a. Bridgekameras und Ferngläser — mit dem sächsischen Kameraerbe hat das wenig zu tun.
Von Dresden in die Welt: Die Geburt der Praktica
Die Geschichte der Marke begann 1948 in den sächsischen Kamerawerken Niedersedlitz, wo der Konstrukteur Siegfried Böhm das erste Modell entwickelte. Als Nachfolgerin der Praktiflex wurde die Kamera zum Fundament des VEB Pentacon Dresden, der im ostdeutschen Planwirtschaftssystem zum Zentrum der optischen Industrie aufstieg. Der Standort Dresden knüpfte damit an eine jahrzehntelange Tradition im Kamerabau an und etablierte die Marke als robustes Arbeitsgerät für Amateure und Profis weltweit.
Meilensteine der Technik: Die Ära der L-Serie
In den 1970er Jahren erreichte die Produktion mit der L-Serie ihren technologischen Zenit, wobei Modelle wie die Praktica LTL nationale und internationale Verkaufserfolge feierten. Besonders innovativ war die Einführung des Stahllamellen-Schlitzverschlusses und der elektrischen Blendenwertübertragung, die bei der Praktica LLC erstmals weltweit zum Einsatz kam. Diese Zuverlässigkeit führte dazu, dass Kameras aus Dresden sogar bei sowjetischen Weltraummissionen an Bord der Saljut-Raumstationen genutzt wurden.
Der Strukturwandel nach 1990 und das Ende im Tal der Ahnungslosen
Nach der deutschen Wiedervereinigung konnte das technisch veraltete B-System der Praktica auf dem Weltmarkt kaum noch gegen die hochgradig automatisierte Konkurrenz aus Japan bestehen. Trotz eines Versuchs durch die Treuhandanstalt und das Engagement des Investors Heinrich Manderman wurde die Kameraproduktion in Dresden im Jahr 2001 endgültig eingestellt. Die ehemals riesigen Werkshallen des VEB Pentacon verschwanden weitgehend aus dem Stadtbild oder wurden einer neuen Nutzung zugeführt.
Markenrechte zwischen Sachsen und Großbritannien
Heute existiert der Name Praktica lediglich als Handelsmarke weiter, die vom britischen Distributor Praktica (UK) Ltd. für preiswerte Ferngläser, Spektive und kompakte Digitalkameras genutzt wird. Eine technologische Verbindung zu den ursprünglichen Dresdner Entwicklungen oder der Feinmechanik von ehemals Pentacon besteht bei diesen Produkten nicht mehr. Die Markenrechte für den deutschen Markt liegen bei der Schneider Optische Werke GmbH, die jedoch keine eigene Kameraproduktion unter diesem Label mehr forciert.