Eine Ostmarke, die den Westen eroberte: Nach der Wende von einem Management-Buy-out gerettet, kaufte die kleine Kellerei später die westdeutsche Konkurrenz — Mumm, MM Extra, Geldermann, Chantré und Eckes. Heute Deutschlands größter Sekthersteller.
Vom Freyburger Regionalerfolg zur ostdeutschen Sekt-Ikone
Die Geschichte beginnt 1856 mit der Gründung des Weinhandels durch die Brüder Kloss und den Freund Foerster in Freyburg an der Unstrut. Nachdem die Marke aufgrund markenrechtlicher Konflikte um 1894 den Namen Rotkäppchen erhielt, avancierte die Kellerei mit der charakteristischen roten Kapsel zum Marktführer in der DDR. Nach der Wende stand das Unternehmen kurz vor dem Aus, bis 1993 fünf ehemalige Manager zusammen mit der Familie Harald Eckes-Chantré den Betrieb im Rahmen eines Management-Buy-outs übernahmen.
Die beispiellose Übernahmestrategie gegen den West-Trend
Im Jahr 2002 kehrte sich die übliche Ost-West-Übernahmelogik um, als die kleine Kellerei aus Sachsen-Anhalt die renommierten Marken Mumm, Jules Mumm und MM Extra von Seagram erwarb. Durch diesen Integrationsschritt entstand die Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH, die später durch den Zukauf von Geldermann im Premiumsegment und die Übernahme von Spirituosenmarken wie Chantré und Eckes Edelkirch weiter expandierte. Heute kontrolliert das Unternehmen aus der Unstrut-Region etwa die Hälfte des deutschen Sektmarktes.
Markenpflege zwischen Tradition und moderner Zielgruppenansprache
Das Design setzt konsequent auf den Wiedererkennungswert der namensgebenden roten Kapsel und den Slogan 'Der Moment seid ihr', der den Fokus von aristokratischer Exklusivität hin zu Alltagssituationen verschob. Während die Hauptmarke Rotkäppchen das Volumensegment bedient, deckt Mumm den Bereich des trockenen Riesling-Sektes ab, während Geldermann die klassische Flaschengärung repräsentiert. Diese Mehrmarkenstrategie erlaubt es dem Konzern, unterschiedliche Preispunkte im Lebensmitteleinzelhandel gleichzeitig zu besetzen.
Familiäre Eigentümerstruktur und wirtschaftliche Stabilität
Obwohl das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von zuletzt über einer Milliarde Euro agiert, verbleibt die Struktur fest in privater Hand der Gesellschafterfamilien. Der Stammsitz in Freyburg wurde durch Investitionen wie die 2023 eröffnete 'Erlebniswelt' massiv aufgewertet, um die Markenbindung vor Ort zu stärken. Trotz der Diversifizierung in Wein und alkoholfreie Alternativen bleibt der Sekt das Kernstück der Sektkellereien, die jährlich weit über 300 Millionen Flaschen in verschiedenen Kategorien absetzen.