Größte Pleiten · Nr. 06

Hertie (2009)

Nach Verkauf durch Karstadt an einen britischen Finanzinvestor 2005 kollabierte die Kette rasch. 73 Häuser wurden geschlossen, ~ 2.700 Arbeitsplätze fielen weg. Symbolfall für Private-Equity-Missmanagement im deutschen Einzelhandel.

Vom Karstadt-Ausverkauf zur britischen Dawnay Day

Der Niedergang von Hertie begann mit der strategischen Entscheidung des KarstadtQuelle-Konzerns unter Thomas Middelhoff, sich im Jahr 2005 von vermeintlich unrentablen Warenhaus-Standorten zu trennen. Die britische Investmentgesellschaft Dawnay Day erwarb 73 Filialen, darunter traditionsreiche Häuser wie in Berlin-Spandau oder München-Milbertshofen, und versprach eine Revitalisierung unter dem alten Namen Hertie. Tatsächlich fungierte der Deal vorrangig als Immobilien-Transaktion, bei der die Warenhaus-Betriebsgesellschaft durch extrem hohe Mietzahlungen an die neuen Eigentümer systematisch finanziell überfordert wurde.

Finanzielle Auszehrung durch das Sale-and-Lease-Back-Modell

Die ökonomische Basis der Hertie GmbH erodierte innerhalb kürzester Zeit, da die Mietforderungen der Dawnay-Day-Schwesterfirma Hilco die operativen Gewinne bei weitem überstiegen. Die Investoren nutzten das Privatisierungsmodell nicht für Modernisierungen der teils sanierungsbedürftigen Verkaufsflächen, sondern zum kurzfristigen Kapitalabzug. Als der britische Mutterkonzern im Zuge der internationalen Finanzkrise 2008 selbst in Liquiditätsschwierigkeiten geriet, verlor die deutsche Warenhauskette jeglichen finanziellen Rückhalt.

Zahlungsunfähigkeit und das Scheitern des Bodo Baasland

Im Juli 2008 sah sich die Geschäftsführung gezwungen, beim Amtsgericht Essen Insolvenz anzumelden, woraufhin Rechtsanwalt Bodo Baasland zum Insolvenzverwalter bestellt wurde. Trotz intensiver Suche nach Investoren, die bereit gewesen wären, das Filialnetz als Einheit fortzuführen, scheiterten alle Verhandlungen an den überzogenen Mietvorstellungen der Eigentümer der Immobilien. In Nordrhein-Westfalen und Bayern mussten daraufhin erste Traditionshäuser schließen, da keine Einigung über eine tragfähige Kostenstruktur erzielt werden konnte.

Die endgültige Zerschlagung im Sommer 2009

Nachdem auch die letzte Rettungschance durch eine Übernahme geplatzt war, beschloss die Gläubigerversammlung im Frühjahr 2009 die Liquidation des gesamten Unternehmens. Die letzten 54 verbliebenen Filialen stellten bis zum 15. August 2009 ihren Betrieb ein, was den Verlust von rund 2.700 Arbeitsplätzen in strukturschwachen Regionen und mittelgroßen Städten bedeutete. Die Markenrechte an Hertie sicherte sich später das Online-Versandhaus Directex, während die leeren Immobilien oft jahrelang als städtebauliche Ruinen die Innenstädte belasteten.