Die Fischbratwaren-Kette überlebte, musste aber Filialen schließen. Der Fall zeigt: Auch Konzepte, die Jahrzehnte funktionierten, sind gegen Corona-Schocks und Innenstadtwandel nicht immun.
Der Pandemie-Schock für die Bremerhavener Tradition
Nach über 120 Jahren Unternehmensgeschichte geriet die Nordsee GmbH im Herbst 2020 durch den massiven Frequenzverlust in deutschen Innenstädten unter existenziellen Druck. Die Schließungen während der Corona-Lockdowns entzogen dem spezialisierten Systemgastronomen mit Sitz in Bremerhaven die Geschäftsgrundlage, da das Konzept stark auf Laufkundschaft in Einkaufsmeilen angewiesen war. Im Oktober 2020 suchte die Geschäftsführung unter Carsten Horn schließlich Rettung in einem Schutzschirmverfahren beim Amtsgericht Bremerhaven.
Verfahren unter Fortführung durch die Kharis Capital
Anders als bei einer klassischen Liquidation blieb die Kontrolle während der Restrukturierung bei der Geschäftsführung und dem Eigentümer Kharis Capital, die das Unternehmen erst 2018 übernommen hatten. Als Sachwalter begleitete der Sanierungsexperte Rainer Eckert den Prozess, um die Interessen der Gläubiger zu wahren und einen Insolvenzplan auszuarbeiten. Ziel war es, die Fixkosten durch Neuverhandlungen von Mietverträgen an die gesunkene Kundenfrequenz anzupassen.
Filialnetz-Bereinigung von Hamburg bis München
Im Zuge der Sanierung trennte sich Nordsee von unrentablen Standorten in Top-Lagen, deren hohe Pachten nicht mehr durch den Verkauf von Fischbrötchen und Tellergerichten erwirtschaftet werden konnten. Betroffen waren unter anderem Filialen in touristisch geprägten Zonen sowie Standorte in Einkaufszentren, die durch den boomenden Online-Handel dauerhaft Kunden verloren hatten. Insgesamt sank die Zahl der Filialen in Deutschland und Österreich im Zuge der Restrukturierung um einen zweistelligen Betrag.
Personalabbau und Neuausrichtung auf Take-away
Die Restrukturierung betraf hunderte Arbeitsplätze, wobei ein Teil der damals rund 3.000 Angestellten das Unternehmen verlassen musste oder in Transfergesellschaften überging. Um die Zukunft zu sichern, investierte das Management verstärkt in das Liefergeschäft und digitale Bestellterminals in den verbliebenen Restaurants. Die Fokussierung auf das Kerngeschäft mit Fischspezialitäten bei gleichzeitiger Verschlankung der Verwaltungsstrukturen ermöglichte schließlich den erfolgreichen Abschluss des Verfahrens im Jahr 2021.