Der größte deutsche Bilanzskandal der Nachkriegsgeschichte: 1,9 Mrd. Euro Treuhandgelder existierten schlicht nicht. Wirecard war DAX-Mitglied und Vorzeigetech-Konzern — bis die Financial Times und interne Whistleblower die Fassade rissen.
Vom Aschheimer Aufsteiger zum DAX-Fiasko
Die Wirecard AG mit Sitz in Aschheim bei München galt jahrelang als das Aushängeschild der deutschen Fintech-Branche und verdrängte im Jahr 2018 sogar die Commerzbank aus dem DAX. Unter der Führung von CEO Markus Braun und dem flüchtigen Vertriebsvorstand Jan Marsalek suggerierte das Unternehmen ein globales Wachstum durch hochprofitable Drittpartnergeschäfte in Asien. Die Fassade des Zahlungsdienstleisters begann jedoch massiv zu bröckeln, als die Financial Times ab 2019 detailliert über Unregelmäßigkeiten und mutmaßliche Scheinbuchungen berichtete.
Das Beben der 1,9 Milliarden Euro
Der endgültige Kollaps erfolgte im Juni 2020, nachdem die Wirtschaftsprüfer von EY dem Jahresabschluss für 2019 das Testat verweigerten, da Bankguthaben auf philippinischen Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro nicht nachgewiesen werden konnten. Kurze Zeit später musste der Vorstand einräumen, dass diese Gelder mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nie existiert hatten. Infolge dieses beispiellosen Bilanzbetrugs stürzte der Aktienkurs ins Bodenlose, und das Unternehmen meldete am 25. Juni 2020 beim Amtsgericht München Insolvenz an.
Zerschlagung durch Insolvenzverwalter Michael Jaffé
Der erfahrene Insolvenzverwalter Michael Jaffé übernahm die schwierige Aufgabe, die Reste des zerrütteten Konzerns zu verwerten und die Gläubigeransprüche zu sichern. Das Kernstück des Unternehmens in Europa wurde im November 2020 an die spanische Großbank Santander verkauft, die für rund 100 Millionen Euro die Technologieplattform und wesentliche Teile des Personals übernahm. Andere Geschäftsbereiche, wie die brasilianische Tochter oder Wirecard North America, wurden separat an verschiedene internationale Investoren veräußert.
Stellenabbau und das Erbe des Skandals
Von der Insolvenz waren weltweit rund 5.800 Mitarbeiter betroffen, wobei allein am Hauptstandort Aschheim Hunderte Kündigungen ausgesprochen wurden. Während die Santander viele Technik-Experten übernahm, markierte das Ende von Wirecard eine Zäsur für das gesamte deutsche Finanzaufsichtssystem und führte zur Reform der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Der Fall beschäftigt die Justiz bis heute im Rahmen des Prozesses gegen Markus Braun und weitere Mitangeklagte vor dem Landgericht München I.