Skandale · Nr. 23

Balsam-Bilanzskandal

Sportboden-Hersteller aus Steinhagen; jahrelange Bilanzfälschung. Einer der größten Wirtschaftsstrafprozesse der 1990er.

Vom Weltmarktführer zum Milliarden-Abgrund in Steinhagen

Die Balsam AG aus dem ostwestfälischen Steinhagen dominierte als Spezialist für Sportbodenbeläge und Kunstrasen zeitweise rund 80 Prozent des Weltmarktes. Hinter der glänzenden Fassade des inhabergeführten Unternehmens verbarg sich jedoch ein System aus fiktiven Rechnungen und Scheinumsätzen, das über Jahre hinweg Verluste kaschierte. Der operative Erfolg bei Großprojekten wie Olympiastadien konnte die immensen Finanzlöcher, die durch riskante Auslandsexpansionen und Missmanagement entstanden waren, längst nicht mehr decken.

Das ausgeklügelte System der Scheinrechnungen

Die Vorstände Klaus Schlienkamp und Friedel Abel schufen ein komplexes Geflecht zur Täuschung von Gläubigerbanken und Wirtschaftsprüfern. Über die konzerneigene Finanzierungsgesellschaft Procofin wurden massenhaft fingierte Forderungen aus angeblichen Sportstätten-Bauten an Factoring-Institute verkauft. Um die Liquidität aufrechtzuerhalten, mussten immer neue Scheinaufträge erfunden werden, was die Bilanzsumme künstlich aufblähte und das Unternehmen in eine fatale Abhängigkeit von frischem Kapital trieb.

Die Aufdeckung durch einen anonymen Hinweis

Im Juni 1994 kollabierte das Lügengebäude, nachdem ein anonymer Informant die Ermittlungsbehörden detailliert über die Manipulationen in Kenntnis gesetzt hatte. Eine Razzia in der Firmenzentrale legte offen, dass ein Großteil der in den Büchern geführten Außenstände schlichtweg nicht existierte. Der Schock am Finanzplatz Deutschland war immens, da Balsam bis unmittelbar vor dem Zusammenbruch als kerngesunder Mittelständler galt und erst kurz zuvor Kredite in Millionenhöhe erhalten hatte.

Harte Urteile im Bielefelder Mammutprozess

Der anschließende Wirtschaftsstrafprozess vor dem Landgericht Bielefeld gehörte zu den aufwendigsten Verfahren der Nachkriegszeit und endete 1996 mit drastischen Haftstrafen. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Klaus Schlienkamp wurde wegen Betruges und Urkundenfälschung zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, während Finanzvorstand Friedel Abel eine Strafe von dreieinhalb Jahren erhielt. Auch gegen die prüfende Wirtschaftsprüfungsgesellschaft C&L Treuhand wurden schwere Vorwürfe wegen grober Fahrlässigkeit bei der Testierung der Bilanzen laut.

Wirtschaftliche Folgen und das Ende einer Ära

Die Schadenssumme für die beteiligten Banken und Factoring-Unternehmen belief sich nach Abschluss der Liquidation auf rund 1,8 bis 2 Milliarden D-Mark. Besonders hart traf der Skandal die Allgemeine Leasing (AL) sowie mehrere Regionalbanken, die hohe Abschreibungen vornehmen mussten. In Steinhagen hinterließ der Konkurs eine industrielle Lücke, da das einst prestigeträchtige Unternehmen vollständig zerschlagen und in Einzelteilen an Konkurrenten versteigert wurde.