Skandale · Nr. 01

Bilanzskandal Comroad (2002)

Der Neue-Markt-Star Comroad meldete jahrelang Umsätze mit einem asiatischen Kunden, der praktisch nicht existierte. Vorstand Bodo Schnabel wurde verurteilt — ein Musterfall aus der Ära des Neuen Markts.

Vom Börsenliebling zum Geisterunternehmen am Neuen Markt

Die Comroad AG aus Ismaning bei München galt um die Jahrtausendwende als das Aushängeschild für deutsche Telematik-Technologie und war ein Star des Wachstumssegments Neuer Markt. Gründer Bodo Schnabel präsentierte den Anlegern jahrelang beeindruckende Wachstumsraten und suggerierte eine globale Marktführerschaft. Tatsächlich basierte dieses Bild auf einem konstruierten Lügengebäude, das ausschließlich dem Zweck diente, den Aktienkurs in die Höhe zu treiben.

Die Phantom-Umsätze der Briefkastenfirma VT Tech

Der Kern des Betrugs lag in der Erfindung eines asiatischen Großkunden namens VT Tech mit Sitz in Hongkong, über den Comroad angeblich den Großteil seiner Geschäfte abwickelte. Die Ermittlungen ergaben später, dass rund 97 Prozent der verbuchten Umsätze des Geschäftsjahres 2000 schlichtweg frei erfunden waren. Hinter dem phantomhaften Partner verbarg sich lediglich eine Scheinfirma, die dazu diente, nicht existierende Produktverkäufe in die Bilanzen zu schleusen.

Aufdeckung durch die Wirtschaftsprüfer von KPMG

Das Kartenhaus stürzte im Frühjahr 2002 ein, als die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG das Testat für den Jahresabschluss 2001 verweigerte. Die Prüfer stießen bei einer tiefergehenden Untersuchung auf Unregelmäßigkeiten in den asiatischen Handelsbüchern, die sich nicht mit realen Warenströmen deckten. Inmitten der aufkommenden Panik an der Börse musste das Unternehmen eingestehen, dass die liquiditätswirksamen Mittel und Umsätze in weiten Teilen eine Fiktion waren.

Inhaftierung von Bodo Schnabel und gerichtliche Aufarbeitung

Gründer Bodo Schnabel wurde kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe verhaftet und im November 2002 vom Landgericht München I wegen Kursmanipulation und Betrugs verurteilt. Die Richter verhängten eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren, wobei sie die besondere Raffinesse bei der Täuschung von Anlegern und Behörden hervorhoben. Auch Schnabels Ehefrau wurde aufgrund ihrer Beteiligung an den Manipulationen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

Totalverlust für Anleger und das Ende einer Ära

Die Aktie der Comroad AG, die in der Spitze bei über 60 Euro notierte, stürzte nach der Enthüllung auf wenige Cent ab und verzeichnete einen Wertverlust von über 99 Prozent. Der Fall Comroad markierte zusammen mit anderen Skandalen den endgültigen Vertrauensverlust der Investoren in den Neuen Markt, was schließlich zur Schließung des Segments durch die Deutsche Börse im Jahr 2003 führte. Die geschädigten Aktionäre blieben auf einem geschätzten Schaden im dreistelligen Millionenbereich sitzen.