Skandale · Nr. 02

Bilanzskandal Flowtex (2000)

Das Ettlinger Unternehmen verleaste 3.142 Horizontalbohrmaschinen — von denen nur 270 überhaupt existierten. Manfred Schmider betrog Banken und Leasinggesellschaften über Jahre. Einer der größten Wirtschaftsstrafprozesse der Nachkriegszeit.

Phantom-Maschinen aus Ettlingen

Manfred Schmider baute mit der Flowtex Technologie GmbH & Co. KG ab Mitte der 1980er Jahre ein scheinbares Imperium für Horizontalbohrmaschinen auf, die Kabelverlegung ohne Gräben ermöglichen sollten. Tatsächlich existierte der Großteil der verkauften und zurückgeleasten Geräte nur auf dem Papier oder durch doppelte Seriennummern auf wenigen realen Prototypen. Von insgesamt 3.142 offiziell geführten Bohrsystemen waren zum Zeitpunkt der Aufdeckung lediglich 270 physisch vorhanden.

Das kriminelle Kreislaufsystem der Leasingverträge

Zusammen mit seinem Partner Klaus Kleiser täuschte Schmider rund 100 Banken und Leasinggesellschaften durch ein komplexes Geflecht aus Scheingeschäften und fingierten Rechnungen. Die durch das Sale-and-Lease-Back-Verfahren generierten Kreditsummen wurden nicht in die Produktion investiert, sondern dienten zur Deckung laufender Leasingraten und zur Finanzierung eines exzessiven Lebensstils auf dem Anwesen 'Villa碧' in Karlsruhe. Das System kollabierte erst, als die Zinslast die Zuflüsse aus neuen Betrugsverträgen überstieg.

Razzia und das Ende der 'Big Spender'

Am 4. Februar 2000 beendeten groß angelegte Durchsuchungen in der Ettlinger Firmenzentrale und in Schmiders Privatvillen das jahrelange Täuschungsmanöver. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Mannheim offenbarten, dass Prüfer und Banken durch einfache technische Manipulationen, wie das Umkleben von Typenschildern bei Besichtigungen, getäuscht worden waren. Der Skandal erschütterte zudem die Politik, da Schmider enge Kontakte zu hochrangigen Entscheidungsträgern in Baden-Württemberg gepflegt hatte.

Milliardenverluste und langjährige Haftstrafen

Der wirtschaftliche Gesamtschaden wurde auf etwa 2,2 Milliarden Euro beziffert, was Flowtex zu einem der größten Betrugsfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte machte. Im Dezember 2001 verurteilte das Landgericht Mannheim Manfred Schmider zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und sechs Monaten wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs. Auch Mitgeschäftsführer Kleiser und mehrere Helfershelfer aus der Finanzabteilung erhielten mehrjährige Haftstrafen in den darauffolgenden Prozessen bis 2003.