Skandale · Nr. 06

Deutsche Bank – „Peanuts” (1994)

Nach dem Zusammenbruch des Immobilienunternehmers Jürgen Schneider verharmloste Deutsche-Bank-Vorstand Hilmar Kopper offene Handwerkerforderungen von rund 50 Mio. DM als „Peanuts”. PR-Desaster von historischer Wirkung.

Der Fall Jürgen Schneider und das Frankfurter Immobilien-Improium

Anfang der 1990er Jahre finanzierte die Deutsche Bank im großen Stil die Expansionspläne des Immobilienentwicklers Jürgen Schneider, der historische Prachtbauten in deutschen Innenstädten sanierte. Durch gefälschte Rechnungen, aufgeblähte Quadratmeterzahlen und manipulierte Mietverträge täuschte Schneider die Banken über die tatsächliche Werthaltigkeit seiner Objekte. Als das Kartenhaus im Frühjahr 1994 zusammenbrach und Schneider spurlos verschwand, hinterließ er Schulden in Höhe von rund 5 Milliarden DM.

Hilmar Kopper und die Geburtsstunde der „Peanuts“

Auf einer Pressekonferenz im Mai 1994 versuchte der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, den finanziellen Schaden für sein Institut einzuordnen. Dabei bezeichnete er ausstehende Handwerkerrechnungen in Höhe von rund 50 Millionen DM als „Peanuts“, die die Bank aus eigener Tasche begleichen wolle. Diese fatale Wortwahl löste eine Welle der Entrüstung aus, da viele mittelständische Betriebe durch die Schneider-Pleite vor dem Ruin standen.

Internationale Fahndung und die Verhaftung in Miami

Jürgen Schneider war nach seinem Untertauchen monatelang auf der Flucht und wurde schließlich im Mai 1995 gemeinsam mit seiner Frau Claudia in Miami von US-Behörden festgenommen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main deckten auf, wie leichtfertig die Deutsche Bank Kredite vergeben hatte, ohne die vorgelegten Baupläne und Flächenberechnungen vor Ort zu prüfen. Das Verfahren gegen Schneider wurde zu einem der aufwendigsten Wirtschaftsprozesse der bundesdeutschen Geschichte.

Das Urteil gegen den Milliarden-Betrüger

Im Dezember 1997 verurteilte das Landgericht Frankfurt Jürgen Schneider wegen Kreditbetrugs, Urkundenfälschung und Bankrotts zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten. Trotz der massiven Fahrlässigkeit bei der Kreditprüfung blieb die Deutsche Bank juristisch gesehen das Opfer, während sie moralisch und in der öffentlichen Wahrnehmung als Sinnbild für Arroganz und soziale Kälte galt. Schneider wurde bereits 1999 wegen guter Führung und Anrechnung der Untersuchungshaft vorzeitig aus der Haft entlassen.

Das kulturelle Erbe eines PR-Fehltritts

Der Begriff „Peanuts“ wurde noch im Jahr 1994 zum Unwort des Jahres gewählt und prägte das Image der Deutschen Bank über Jahrzehnte hinweg negativ. Hilmar Koppers Versuch, Souveränität zu demonstrieren, markierte den Beginn einer bis heute andauernden gesellschaftlichen Debatte über die Distanz zwischen der Finanzwelt und dem realwirtschaftlichen Mittelstand. Die Affäre führte intern zu einer Verschärfung der Kreditkontrollmechanismen innerhalb des Konzerns.