Skandale · Nr. 13

Siemens-Schmiergeldaffäre (2006 ff.)

Weltweit systematische Schwarzgeldkassen zur Bestechung von Kunden — Siemens zahlte in den USA und Deutschland insgesamt rund 2,5 Mrd. Euro Strafen und Nachforderungen. Der Fall führte zu einer Compliance-Revolution im deutschen Konzern-Alltag.

Das System der schwarzen Kassen über Briefkastenfirmen

Über Jahrzehnte unterhielt Siemens ein komplexes Geflecht aus verdeckten Konten, um sich weltweit Großaufträge in den Bereichen Telekommunikation und Energie zu sichern. Besonders über die Com-Sparte flossen hunderte Millionen Euro an Schmiergeldern an ausländische Regierungsbeamte und Entscheider, etwa beim Aufbau des griechischen Telefonnetzes oder der Vergabe von Identitätskarten in Argentinien. Die Gelder wurden häufig über Scheinberaterverträge und Briefkastenfirmen in Steueroasen gewaschen, um die Herkunft der Zahlungen zu verschleiern.

Die Razzia am Wittelsbacherplatz und der Fall Reinhard Siekaczek

Der Skandal brach am 15. November 2006 offen aus, als rund 200 Staatsanwälte und Steuerfahnder die Konzernzentrale in München sowie zahlreiche Privatwohnungen durchsuchten. Im Zentrum der Ermittlungen stand zunächst der Manager Reinhard Siekaczek, der maßgeblich an der Verwaltung der illegalen Konten in der Schweiz und Liechtenstein beteiligt war. Seine umfassenden Aussagen legten die systematische Struktur der Korruption offen, die bis in die höchsten Führungsebenen toleriert oder aktiv gefördert wurde.

Führungswechsel unter dem Druck der SEC und des DOJ

Infolge des massiven Drucks der US-Börsenaufsicht SEC und der US-Justiz mussten Vorstandschef Klaus Kleinfeld und Aufsichtsratsvorsitzender Heinrich von Pierer im Jahr 2007 ihre Posten räumen. Peter Löscher wurde als erster externer Vorstandsvorsitzender berufen, um den Konzern grundlegend zu sanieren und eine neue Compliance-Kultur zu etablieren. Siemens beauftragte zudem die Kanzlei Debevoise & Plimpton mit einer internen Untersuchung, die Schmiergeldzahlungen in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro identifizierte.

Rekordstrafen und zivilrechtliche Aufarbeitung bis 2009

Im Dezember 2008 einigte sich Siemens mit den US-Behörden und der Staatsanwaltschaft München I auf die Zahlung von Rekordstrafen und Gewinnabschöpfungen in Höhe von insgesamt rund 1,2 Milliarden Euro. Zusammen mit den Kosten für Anwälte, Berater und Steuernachzahlungen belief sich der Gesamtschaden für das Unternehmen auf über 2,5 Milliarden Euro. In der Folge verklagte Siemens elf ehemalige Vorstandsmitglieder auf Schadensersatz, wobei es 2009 zu weitreichenden außergerichtlichen Vergleichen kam.