Weltweite Schmiergeldzahlungen zur Auftragsakquise. Rücktritte an der Spitze, Umbau der Compliance und höchste Strafen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte bis dahin.
Schwarze Kassen und Systematische Korruption
Die Affäre nahm ihren Anfang mit einer Razzia in der Münchner Konzernzentrale am 15. November 2006, bei der Hunderte Polizeibeamte Beweismaterial sicherten. Es stellte sich heraus, dass Siemens über Jahre hinweg ein weltweites System aus schwarzen Kassen und Briefkastenfirmen unterhielt, um Aufträge in Ländern wie Griechenland, Argentinien oder Nigeria durch illegale Zahlungen zu sichern. Das Management nutzte verdeckte Konten unter anderem bei der Dresdner Bank in Liechtenstein und Beraterverträge zur Tarnung der Zahlungsströme.
Ermittlungen der SEC und Staatsanwaltschaft München I
Neben der deutschen Justiz schaltete sich die US-Börsenaufsicht SEC ein, da Siemens an der New Yorker Börse gelistet war und somit dem Foreign Corrupt Practices Act unterlag. Die Ermittlungen deckten Zahlungen in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro auf, die zwischen 1999 und 2006 als Bestechungsgelder deklariert oder verschleiert wurden. Besonders betroffen waren Sparten wie der Bereich Telekommunikation (COM) sowie Energie- und Verkehrstechnik.
Sturz der Konzernspitze unter von Pierer und Kleinfeld
Im Zuge des Skandals mussten der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer und der Vorstandsvorsitzende Klaus Kleinfeld im Jahr 2007 ihre Posten räumen. Obwohl ihnen keine direkten Straftaten nachgewiesen wurden, trugen sie die politische Verantwortung für das Versagen der Kontrollmechanismen. Mit Peter Löscher wurde erstmals ein externer Nachfolger berufen, um den radikalen Kulturwandel und den Aufbau einer neuen Compliance-Abteilung einzuleiten.
Milliardenstrafen und zivilrechtliche Konsequenzen
Der Komplex wurde Ende 2008 mit Rekordbußgeldern abgeschlossen, wobei Siemens allein in Deutschland rund 596 Millionen Euro und in den USA etwa 800 Millionen Dollar zahlte. Zusätzlich investierte der Konzern enorme Summen in Anwaltskosten und die Aufarbeitung durch die Kanzlei Debevoise & Plimpton. Ehemalige Vorstandsmitglieder wurden später zur Kasse gebeten und zahlten Schadensersatz in Millionenhöhe an das Unternehmen zurück.