Skandale · Nr. 37

Thyssen-Krupp — brasilianische Stahlwerke

Milliardengrab in Brasilien und den USA; führte zu einer der teuersten Fehlinvestitionen der deutschen Industriegeschichte.

Der fatale Traum von der transatlantischen Stahlkette

Unter der Führung des damaligen Vorstandsvorsitzenden Ekkehard Schulz plante der Essener Traditionskonzern ThyssenKrupp ab dem Jahr 2005 ein ehrgeiziges Großprojekt namens Steel Americas. Die Strategie sah vor, in Brasilien kostengünstig Brammen im Werk CSA (Companhia Siderúrgica do Atlântico) zu fertigen, um diese anschließend in einem neuen Walzwerk in Alabama, USA, zu hochwertigem Qualitätsstahl zu verarbeiten. Massive Fehlkalkulationen bei den Baukosten in der Sepetiba-Bucht nahe Rio de Janeiro und technische Probleme verwandelten das Vorhaben jedoch schnell in ein finanzielles Desaster.

Chronischer Baukosten-Explosion und ökologische Hürden

Die Errichtung des brasilianischen Werks wurde durch eine mangelhafte Planung der Infrastruktur und heftige Anwohnerprozesse wegen massiver Staubemissionen, dem sogenannten Graphitregen, behindert. Statt der ursprünglich veranschlagten drei Milliarden Euro verlangsamten Streiks und die Korrektur baulicher Mängel den Fortschritt massiv, wodurch die Gesamtkosten für die Standorte in Brasilien und den USA auf über zwölf Milliarden Euro anstiegen. Der Konzern geriet durch die Zinslast und die mangelnde Rentabilität der neuen Anlagen in eine existenzbedrohende Liquiditätskrise.

Führungskrise und die Ära nach Ekkehard Schulz

Das Debakel führte 2011 zum Rücktritt von Ekkehard Schulz aus dem Aufsichtsrat und im Jahr 2012 zur Ablösung fast des gesamten Vorstands unter dem neuen Chef Heinrich Hiesinger. Die interne Aufarbeitung durch die Kanzlei Hengeler Mueller deckte schwerwiegende Pflichtverletzungen bei der Überwachung des Großprojekts auf, woraufhin der Konzern Schadensersatzforderungen gegen ehemalige Manager prüfte. Prominente Akteure wie Ulrich Middelmann und der ehemalige Stahlchef Karl-Ulrich Köhler standen im Fokus der Kritik für die jahrelange Verschleierung der tatsächlichen Verlustrisiken.

Notverkauf und Milliardenverluste in der Bilanz

Nach Jahren der vergeblichen Käufersuche veräußerte ThyssenKrupp das US-Werk in Calvert im Jahr 2014 an ein Konsortium aus ArcelorMittal und Nippon Steel für rund 1,5 Milliarden Dollar. Der finale Befreiungsschlag folgte erst 2017 mit dem Verkauf der restlichen Anteile am brasilianischen Pannen-Werk CSA an den Konkurrenten Ternium für lediglich 1,5 Milliarden Euro. Insgesamt mussten die Essener Abschreibungen in Höhe von rund 8 Milliarden Euro vornehmen, was das Eigenkapital des Konzerns nachhaltig schwächte und den Verkauf der profitablen Aufzugsparte Jahre später mitverursachte.