Skandale · Nr. 18

Wirecard (2020)

Der DAX-Konzern für Zahlungsabwicklung meldete Insolvenz — 1,9 Mrd. Euro auf angeblichen Treuhandkonten in Asien existierten nie. Financial Times, Ex-Investoren und Whistleblower hatten jahrelang gewarnt, BaFin und Wirtschaftsprüfer EY versagten spektakulär.

Der vermeintliche Aufstieg vom Zahlungsdienstleister zum DAX-Riesen

Das im Jahr 1999 gegründete Unternehmen Wirecard aus Aschheim bei München entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum Börsenstar und verdrängte 2018 sogar die Commerzbank aus dem DAX. Unter dem Vorstandsvorsitzenden Markus Braun wurde eine globale Expansion vorangetrieben, die Wirecard als innovativen Spitzenreiter im Bereich der digitalen Zahlungsabwicklung positionierte. Doch hinter den rasanten Wachstumszahlen verbarg sich ein komplexes System aus Luftbuchungen und gefälschten Transaktionen.

Das rätselhafte Verschwinden von 1,9 Milliarden Euro

Im Juni 2020 erreichte das Kartenhaus seinen Zusammenbruch, als die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY das Testat für den Jahresabschluss verweigerte. Es stellte sich heraus, dass ein Betrag von 1,9 Milliarden Euro, der angeblich auf Treuhandkonten bei zwei philippinischen Banken lag, schlichtweg nicht existierte. Diese Summe entsprach etwa einem Viertel der gesamten Bilanzsumme und offenbarte, dass das operative Drittpartnergeschäft in Asien weitgehend erfunden war.

Hauptakteure zwischen Untersuchungshaft und Flucht

Markus Braun, der langjährige CEO, stellte sich kurz nach Bekanntwerden des Skandals den Behörden und sitzt seit Sommer 2020 in Untersuchungshaft. Jan Marsalek, der ehemalige Vertriebsvorstand, entzog sich der Verhaftung durch eine spektakuläre Flucht über Österreich und Belarus und wird seither weltweit per Haftbefehl gesucht. Die Staatsanwaltschaft München I wirft den Verantwortlichen unter anderem gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Bilanzfälschung und Marktmanipulation vor.

Die Rolle der Financial Times und das Versagen der Aufsicht

Bereits ab 2015 hatte der Journalist Dan McCrum in der Artikelserie 'House of Wire' in der Financial Times auf Unregelmäßigkeiten hingewiesen, wurde jedoch von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zeitweise selbst ins Visier genommen. Die deutschen Aufsichtsbehörden und die Wirtschaftsprüfer von EY gerieten nach der Insolvenz massiv unter Druck, da Warnsignale jahrelang ignoriert oder proaktiv unterdrückt wurden. Dies führte schließlich zu einer umfassenden Reform der deutschen Finanzaufsicht und schädigte das Vertrauen in den Finanzplatz Deutschland nachhaltig.

Der Wirecard-Prozess und die juristische Aufarbeitung

Im Dezember 2022 begann in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim der größte Betrugsprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte gegen Braun und weitere Führungskräfte. Die Anklage stützt sich dabei unter anderem auf die Aussagen des Kronzeugen Oliver Bellenhaus, der das Büro in Dubai leitete und detaillierte Einblicke in die Manipulationen gab. Ein endgültiges Urteil steht aufgrund der Komplexität der Beweisaufnahme und der enormen Schadenssummen für die Aktionäre noch aus.