Skandale · Nr. 39

Wirecard AG (Ausführung)

Ergänzung: siehe auch Pleiten. Das Fehlen von 1,9 Mrd. Euro auf angeblichen Treuhandkonten in den Philippinen war der größte Bilanzskandal Nachkriegsdeutschlands.

Der kometenhafte Aufstieg in den DAX 30

Die Wirecard AG aus Aschheim bei München galt lange als das deutsche Vorzeige-Fintech, das den klassischen Bankensektor mit digitaler Zahlungsabwicklung herausforderte. Im Jahr 2018 erreichte das Unternehmen seinen vorläufigen Höhepunkt durch die Aufnahme in den deutschen Leitindex DAX, wobei es die Commerzbank verdrängte. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Unternehmen von CEO Markus Braun geleitet, der eine globale Expansion vorantrieb.

Das Kartenhaus aus Luftbuchungen in Asien

Der Kern des Skandals lag im sogenannten Third-Party-Acquiring-Geschäft, bei dem externe Partner in Asien angeblich Transaktionen für Wirecard abwickelten. Im Juni 2020 musste das Unternehmen einräumen, dass für ausgewiesene Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro keine Existenznachweise vorlagen. Diese Summe entsprach etwa einem Viertel der gesamten Bilanzsumme und löste den sofortigen Kollaps des Aktienkurses aus.

Die Rolle von Dan McCrum und der Wirtschaftsprüfer

Bereits Jahre vor dem Zusammenbruch veröffentlichte der Journalist Dan McCrum in der Financial Times kritische Berichte über Unregelmäßigkeiten im Asien-Geschäft. Trotz dieser Warnungen erteilte die Prüfgesellschaft Ernst & Young (EY) jahrelang uneingeschränkte Testate für die Konzernabschlüsse. Erst eine Sonderprüfung durch KPMG und die Weigerung von EY, den Abschluss 2019 zu unterschreiben, brachten den Betrug endgültig ans Licht.

Flucht, Verhaftungen und der Münchner Prozess

Nach der Insolvenz im Juni 2020 tauchte der ehemalige Vertriebsvorstand Jan Marsalek unter und wird seitdem per internationalem Haftbefehl gesucht, wobei sein Aufenthaltsort in Russland vermutet wird. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Markus Braun wurde verhaftet und steht seit Dezember 2022 vor dem Landgericht München I. Die Staatsanwaltschaft wirft den Verantwortlichen gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Untreue und Marktmanipulation vor.

Politisches Nachspiel und Reform der Finanzaufsicht

Der Skandal führte zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses im Deutschen Bundestag, der das Versagen der Finanzaufsicht BaFin und der Wirtschaftsprüferkammer beleuchtete. In der Folge wurde der BaFin-Präsident Felix Hufeld abgelöst und die Kompetenzen der Aufsichtsbehörden gesetzlich gestärkt. Der Fall Wirecard gilt heute als Zäsur für den Finanzplatz Deutschland und als Mahnmal für die Risiken intransparenter Unternehmensstrukturen.