Im Zuge der Wirecard-Ermittlungen zeigte sich, dass kritische Journalisten und Investoren jahrelang mit Detektiven observiert wurden. Ein Muster, das mehrere deutsche Konzerne betraf.
Überwachung der Financial Times und das Projekt Goldfinger
Der ehemalige Wirecard-Vertriebsvorstand Jan Marsalek koordinierte weitreichende Beschattungsaktionen gegen Journalisten, insbesondere gegen das Team der Financial Times in London unter Dan McCrum. Unter dem Codenamen Projekt Goldfinger wurden Privatdetektive und ehemalige Geheimdienstmitarbeiter damit beauftragt, kritische Berichterstatter rund um die Uhr zu observieren und deren privates Umfeld zu infiltrieren. Ziel dieser Operationen war es, angebliche Absprachen zwischen der Presse und Leerverkäufern zu beweisen, um die Enthüllungen über Bilanzmanipulationen zu diskreditieren.
Die Rolle von Geheimdienstkontakten und Briefkastenfirmen
Die Finanzierung der Bespitzelungsmaßnahmen erfolgte oft über undurchsichtige Kanäle und Beraterverträge im Ausland, um eine direkte Spur zum Aschheimer Konzernsitz zu verschleiern. Jan Marsalek nutzte hierfür seine Kontakte zu Personen wie dem ehemaligen österreichischen Geheimdienstler Egisto Ott, um sensible Informationen über Zielpersonen abzufragen. In London und Libyen wurden Agentenetzwerke aktiviert, die sogar physische Annäherungen und Drohszenarien gegenüber den Familien der Journalisten initiierten.
Zwickmühle der Behörden und die ZBP-Anzeige
Statt die Vorwürfe der Journalisten ernst zu nehmen, erstattete die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) im Jahr 2019 Anzeige gegen Dan McCrum und seine Kollegen wegen Marktmanipulation. Diese staatliche Schützenhilfe spielte Wirecard in die Karten und legitimierte intern die aggressiven Überwachungsmethoden gegen die Presse. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelte zunächst gegen die Aufdecker, was den Druck auf die Redaktionen massiv erhöhte.
Aufdeckung im Zuge des Konzernkollapses 2020
Erst nach der Insolvenz der Wirecard AG im Juni 2020 und der Flucht von Jan Marsalek kamen die Details über das Ausmaß der Überwachung ans Licht. Interne E-Mails und Chatprotokolle belegten, dass Wirecard Millionenbeträge für Detekteien in London und anderen Standorten ausgab, um unliebsame Stimmen mundtot zu machen. Die Ermittlungen im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages verdeutlichten später, wie systematisch der Dax-Konzern gegen die Pressefreiheit vorging.
Juristische Aufarbeitung und der Prozess gegen Markus Braun
Im laufenden Wirecard-Prozess, der seit Ende 2022 in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim stattfindet, ist die Bespitzelung ein zentraler Aspekt für das Verständnis der kriminellen Unternehmenskultur. Während Markus Braun eine direkte Tatbeteiligung bestreitet, belasten Kronzeugen und sichergestellte Dokumente die ehemalige Führungsebene schwer. Ein konkretes Urteil zur illegalen Beschattung steht im Rahmen des Gesamtkomplexes noch aus, wobei Schätzungen die Kosten für die Überwachungsaktionen im zweistelligen Millionenbereich ansiedeln.